Viele Gäste waren ins Centre Bagatelle gekommen
"Warum sollen wir zur Wahl gehen? Wie können wir wieder Politikern und Unternehmen vertrauen?“ - Zentrale Fragen der rund 80 Besucher bei der Diskussion mit Gesine Schwan am 6. Juli im Centre Bagatelle, Berlin-Frohnau über die gesellschaftlichen Ursachen und Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und die Rolle des Staates.
Gesprächspartner zu diesem Thema waren Prof. Gesine Schwan, der SPD-Bundestagsabgeordnete Detlef Dzembritzki und der Wirtschaftsexperte und Bundestagskandidat Jörg Stroedter. Die Veranstaltung im Rahmen der Wochen der Reinickendorfer SPD wurde von Alexander Kulpok moderiert.
„Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger an die Banken ist verloren gegangen, da das Vertrauen zwischen den Banken zusammengebrochen ist“ erklärte Gesine Schwan, die zweimal als Kandidatin der SPD für das Amt als Bundespräsidentin antrat. „Untereinander wussten sie, dass sie alle mit riskanten Produkten handelten.“
Dieser Aussage schloss sich auch Jörg Stroedter an und forderte mehr soziale Verantwortung von den Banken und Unternehmern: „Die Ursachse der Finanzkrise war, dass Kredite auf Spekulationsbasis vergeben wurden. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die nun von ihrer Hausbank kein Geld zu akzeptablen Konditionen bekommen, sind die Leidtragenden."
„Das eigentliche Versagen“ analysierte Schwan weiter, liege aber nicht nur im Bankesektor, sondern auch in der Wissenschaft: "Selbst dort, wo über Maßstäbe nachgedacht wird, ist man in einen Strudel von Wettbewerb und Konkurrenzdenken geraten." Es helfe nun nicht, allein individuell zu moralisieren. Neue Lösungsansätze müssten her.
Gesine Schwan beklagte zudem, dass derzeit keine langfristigen internationalen Konzepte existierten. Die alte, national konzipierte Soziale Marktwirtschaft funktioniere nicht mehr. Wir bräuchten eine neue. Auch die Rolle der handelnden Akteure müsse überdacht werden.
Schwan prangerte aber nicht nur Banker und Politiker als Schuldige für die gegenwärtige Krise an, sondern sie sprach von einer Krise des gesellschaftlichen Systems: „Wettbewerb, Wettbewerb, Wettbewerb – ein schrankenloses Wettbewerbsdenken hat sich in allen Strukturen der Gesellschaft durchgesetzt.“ Betrügerisches Handeln sei in in vielen Bereichen mittlerweile übliche Praxis, um existieren zu können.
Dies sah auch Jörg Stroedter so und untermauerte seinen Ansatz, dass nun die KfW und in Berlin die IBB stärker und am besten direkt ins Kreditvergabesystem eingreifen müssten - ohne Umweg über die privaten Hausbanken. Ansonsten könne die Krise in der mittelständischen Wirtschaft noch weitergehen und zur Gefahr sozialer Desintegration führen.
Unabhänngig davon machte Stroedter auch klar, dass es in der Vergangenheit - auch in der SPD - Fehler gegeben habe, die man nun korrigieren müsse. "Nicht mal die Union hätte die Veräußerungsgewinne großer DAX-Unternehmen steuerfrei gestellt. Da haben wir zu sehr auf die ganz großen gesetzt." Eben das wolle er im Bundestag auch ändern.